Reise

Tag 3

Freitag, 30.01.2026: Das System versagt, der Mensch hilft – und die Angst zieht ein

Nach einer schrecklichen Nacht mit kaum Schlaf war mein Kopf wie vernebelt. Der Plan für heute: Irgendwie zum Orthopäden kommen. Er hatte zum Glück mitgedacht und mir schon am Dienstag einen Termin gegeben, weil er ahnte, dass ich heute eine Orthese brauchen würde. Da ich kein Auto fahren soll und niemanden erreichen konnte, bestellte ich mir ein Uber. Einsteigen, den Gips vorsichtig reinmanövrieren, ankommen.

Die erste Hürde im Wartezimmer

Ich saß kaum im Wartebereich, als die Mitarbeiterin des Sanitätshauses hereinkam. Sie sah meinen Gips, warf einen kurzen Blick darauf und bog direkt zum Arzt ab: „Ich habe wohl nicht die richtige Orthese dabei.“ Ein Satz, der mich verunsicherte. Was hieß das jetzt für mich?

Wenig später saß ich im Behandlungszimmer. Mein Orthopäde las den Ambulanzbericht aus dem Krankenhaus. Er gab zu, dass er den Verdacht auf einen Charcot-Fuß schon länger hatte, sich aber erst durch die Kollegen im Krankenhaus absichern wollte.

Bürokratie vs. Realität

Jetzt begann das Feilschen um die Versorgung. Das Krankenhaus hatte klar angeordnet: „3 Monate konservative Therapie mit einem Vacoped Diabetic Stiefel“. Doch die Sanitätshaus-Mitarbeiterin schüttelte den Kopf. Diesen Stiefel bekämen sie nicht. Man würde wie „immer“ den Rebound Air Walker benutzen, um dann später auf eine maßangefertigte Zwei-Schalen-Orthese umzusteigen – sofern die Krankenkasse das genehmigt.

Das Problem: Sie hatte diesen Walker nicht dabei. Nach Telefonaten mit verschiedenen Filialen wurde sie in der Hauptstelle in der Nachbarstadt fündig. Als ich ihr sagte, dass ich mit dem Uber da bin und nicht weiß, wie ich hinkommen soll, passierte etwas Unerwartetes: Sie bot mir an, mich in ihrem Firmenwagen mitzunehmen. Ein kleiner Lichtblick in diesem Chaos.

Der Fragenmarathon beim Arzt

Bevor wir losfuhren, feuerte ich meine Liste an Fragen ab, die ich mir mühsam notiert hatte. Die Antworten waren ein Schlag in die Magengrube:

  • Transportschein? Erst ab Pflegegrad 2. Das heißt: Jede Fahrt zum Arzt zahle ich aus eigener Tasche.
  • Rollstuhl? Nein, ich hätte ja Gehhilfen. (Als ob man damit den Alltag in einer Wohnung mit einem Charcot-Fuß bewältigen könnte!)
  • Duschhocker? Ja, den bekam ich auf Rezept.
  • Haushaltshilfe? Ein Attest für 4 Wochen (7 Tage à 2 Stunden) wurde ausgestellt. Aber die bittere Pille: Der Stiefel darf nie ausgezogen werden. Nicht zum Duschen, nicht zum Schlafen.

Die Fahrt in die Angst

Im Auto der Sanitätshaus-Mitarbeiterin passierte dann das, was mich psychisch vollends brach. Während der Fahrt in die Nachbarstadt fing sie an zu erzählen. Sie sprach über den Charcot-Fuß, als wäre es ein Todesurteil. „Nicht heilbar“, „endet meist in einer Scheibchen-Amputation“, „ein Leben lang eingeschränkt“.

Ich saß auf dem Beifahrersitz und fühlte mich, als würde mir jemand bei lebendigem Leib den Boden unter den Füßen wegziehen. Ich wollte doch nur in den Urlaub. Jetzt sprach sie von Amputationen.

Der Walker und das Badewannenbrett

Im Sanitätshaus wurde der Gips endlich aufgeschnitten. Mein Fuß sah „ok“ aus. Sie legte mir den Rebound Air Walker an und erklärte mir die Pumpe zum Nachjustieren. Beim Duschhocker gab es ein Missverständnis: Da ich eine Badewanne habe, brauchte ich ein Badewannenbrett. Sie tauschte es unkompliziert um und versprach, die Verordnung mit dem Arzt zu klären.

Dann unterschrieb ich den Mietvertrag für den Walker und den Antrag für die Zwei-Schalen-Orthese. Das „Nonplusultra“, wie sie sagte. Aber es würde meist Wochen dauern, bis die Kasse das genehmigt.

Psychisches Ende

Eine Freundin holte mich schließlich ab. Auf der Rückfahrt brach alles aus mir heraus. Ich erzählte ihr von den Horrorszenarien der Mitarbeiterin, von der Ungewissheit, von den Schmerzen und der Angst. Ich war am Ende. Absolut am Ende.

Vor ein paar Tagen war ich noch ein Reisender nach Asien. Heute bin ich ein Patient mit einer „unheilbaren“ Knochenkrankheit, der nicht einmal ohne Hilfe in die Badewanne kommt.

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