Tag 6
Ich habe mir nie vorgenommen, zu schreiben. Ich habe damit angefangen, als ich mir nicht anders zu helfen wusste.
Zwischen Verzweiflung und neuem Mut: Mein Tagebuch
Das letzte Wochenende war schrecklich. Ich habe sehr viel geweint. Am Samstag kam eine Freundin vorbei; wir haben zusammen geweint, aber auch zusammen gelacht. Doch als sie weg war, kam die Traurigkeit sofort zurück. Diese Ungewissheit macht einen einfach fertig.
Natürlich habe ich das gesamte Wochenende im Internet verbracht, um mehr Informationen über den Charcot-Fuß zu finden – Erfahrungsberichte, Studien, irgendetwas. Aber echte Infos sind Mangelware. Viele Webseiten schreiben nur voneinander ab. Wirkliche Berichte „aus dem Leben“, so wie ich sie hier schreibe, findet man kaum. Stand heute gibt es eine deutsche Facebook-Gruppe mit etwa 170 Mitgliedern und eine amerikanische Gruppe mit etwas mehr als 6.000 Betroffenen.
Ich habe lange in diesen Gruppen gelesen, und ehrlich gesagt war es oft niederschmetternd. Die Bilder, die ich gegoogelt habe, waren furchtbar. In diesen Momenten dachte ich ernsthaft: „Das war’s. Mein Leben ist vorbei. Ich werde für immer massiv eingeschränkt sein, nie wieder Motorrad fahren, nie wieder ins Gym gehen können.“
Doch das letzte Wort ist hier noch nicht gesprochen – und das ist auch gut so. Denn Aufgeben ist keine Option!
Am Montagmorgen stand die Blutentnahme bei meinem Hausarzt an (der normale DMP-Turnus). Eine Freundin hat mich hingefahren, zurück ging es mal wieder mit dem Uber. In der Praxis haben alle meinen Fuß gesehen und gefragt, was passiert ist. Ich habe nur kurz und bündig geantwortet: „Charcot-Fuß.“ Meinen Arzt habe ich an diesem Morgen zwar nicht gesehen, dafür aber jemand anderen:
Neben mir im Wartezimmer saß eine 96-jährige Frau, die mir unglaublich viel Mut gemacht hat. Ihr Motto: Es geht immer weiter. Sie hat bereits all ihre Freunde und ihren Ehemann überlebt, sie kann nur noch mühsam am Rollator gehen – aber sie gibt nicht auf. Diese Begegnung war genau das, was ich in diesem Moment gebraucht habe..